Wie können Daten dazu beitragen, die Krebsbehandlung zu personalisieren, Epidemien zu verfolgen und die Artenvielfalt zu schützen? Und wie kann die Schweiz angesichts der zunehmenden Verbreitung von KI Innovation mit verantwortungsvollem Datenumgang und digitaler Souveränität verbinden? Diese Fragen brachten hundert Bürger, Wissenschaftler und politische Entscheidungsträger in Genf zu einem öffentlichen Forum zusammen, das vom SIB im Rahmen von #GenevaLovesData und am Eröffnungstag der ECCB 2026 organisiert wurde. Durch wissenschaftliche Vorträge, praxisorientierte Workshops und eine politische Debatte rückte die Veranstaltung die oft unsichtbaren Daten hinter der Wissenschaft in den Blickpunkt der Öffentlichkeit – und hob das Fachwissen und die Infrastruktur hervor, die erforderlich sind, um sie zum Nutzen der Gesellschaft einzusetzen.
Die unsichtbaren Grundlagen der Wissenschaft sichtbar machen
Wissenschaftler sind mittlerweile ausserordentlich gut darin, Daten über das Leben zu generieren – von der Entschlüsselung des menschlichen Genoms über die Messung der Zellaktivität bis hin zur Überwachung ganzer Ökosysteme. Doch die Erhebung von Daten ist nur der Anfang. Um Wissen zu generieren, müssen die Daten verstanden, organisiert, vernetzt und wiederverwendbar gemacht werden – eine Aufgabe, die wissenschaftliche Expertise, gemeinsame Standards und eine nachhaltige Infrastruktur erfordert. Dies ist eine Kernaufgabe der Bioinformatik.
Das öffentliche Forum eröffnete die Diskussion aus drei Perspektiven.
- SIB-Präsidentin und Schweizer Nationalrätin Simone de Montmollin sprach über die wissenschaftliche und politische Verantwortung dafür, dass Daten zuverlässig, dokumentiert, sicher und langfristig nutzbar sind.
- Robert Mardini, Generaldirektor der Genfer Universitätskliniken (HUG), hob die Bedeutung der internationalen Zusammenarbeit hervor – insbesondere in Bereichen, in denen keine einzelne Institution oder kein einzelnes Land alle für eine fundierte Wissenschaft erforderlichen Daten generieren kann, wie beispielsweise bei seltenen Krankheiten, der Präzisionsonkologie und der Epidemieüberwachung.
- Christophe Dessimoz, Geschäftsführer des SIB, untersuchte, wie die Bioinformatik rasch wachsende Mengen biologischer Daten in Wissen umwandelt – und warum diese Fähigkeit im Zeitalter der KI noch wichtiger ist.
Von der Überwachung von Krebserkrankungen und Epidemien bis hin zu ganzen Ökosystemen
Vier in Genf ansässige Wissenschaftler zeigten anschliessend, was Bioinformatik in der Praxis auf verschiedenen Ebenen bedeutet, und beleuchteten dabei auch ethische Fragen im Zusammenhang mit der Nutzung und Weitergabe sensibler Daten.
- Präzisionsonkologie: Olivier Michielin zeigte, wie die Kombination von Patienten-, Tumor- und klinischen Studiendaten mit KI und anderen computergestützten Werkzeugen neue Therapieoptionen sowohl allgemein als auch für einzelne Krebspatienten aufzeigen kann. Ein Beispiel hierfür ist das Process Mining, das den tatsächlichen Ablauf der Behandlungen und Untersuchungen jedes Patienten abbildet, um zu ermitteln, welche Versorgungswege den Patienten die besten Ergebnisse liefern. Michielin leitet die Abteilung für Onkologie und den Dienst für Präzisionsonkologie an den Genfer Universitätsspitälern (HUG), ist Professor an der EPFL und Gruppenleiter am SIB.
- Epidemievorbereitung: Valérie Barbié erläuterte, wie Krankheitserreger in Echtzeit über Bevölkerungsgruppen und Länder hinweg anhand von Spuren ihres genetischen Materials im Abwasser und anderen Quellen nachverfolgt werden. Wissenschaftler des SIB ermöglichen diese Überwachung in der Schweiz, indem sie über die Schweizer Plattform zur PathogenüberwachungDaten zu Erkrankungserregern aus dem ganzen Land sammeln, diese Daten analysieren und dem Bundesamt für Gesundheit umsetzbare Erkenntnisse liefern. Barbié ist Leiterin der Abteilung für Clinical Bioinformatics am SIB.
- Umweltschutz: Pascal Peduzzi zeigte, wie Klima, Biodiversität, Satellitenbilder und andere Umweltdaten Aufschluss über den aktuellen Zustand der Ökosysteme der Erde geben und wohin sich diese entwickeln. GRID-Genf wandelt solche Daten in Fakten um, auf deren Grundlage politische Entscheidungsträger handeln können, und nutzt die Daten zudem, um zu bewerten, ob umweltpolitische Massnahmen wirken. Peduzzi ist Direktor von GRID-Genf und Professor an der Universität Genf.
- Datenethik: Samia Hurst untersuchte, was nötig ist, um das Vertrauen der Patienten zu gewinnen, wenn medizinische Daten für Forschungszwecke genutzt werden. Zu den Faktoren zählen eine zuverlässige Anonymisierung, die Wahlfreiheit und Kontrolle der Patienten über die Verwendung ihrer personenbezogenen Daten sowie die Frage, wer um die Nutzung der Daten bittet. Hurst ist Direktorin des Instituts für Ethik, Geschichte und Geisteswissenschaften (iEH2) sowie der Abteilung für Gesundheits- und Gemeinschaftsmedizin an der Universität Genf und Beraterin des klinischen Ethikkomitees der HUG.
Zusammen verdeutlichten die Beispiele ein gemeinsames Prinzip: Der Wert von Daten liegt nicht einfach in der Menge der gesammelten Daten, sondern darin, ob sie ausreichend zuverlässig, zugänglich und vernetzt sind, um Wissen zu generieren und Entscheidungen zu unterstützen. Dies ist besonders wichtig für die KI: Leistungsstarke Algorithmen können unvollständige, schlecht dokumentierte oder verzerrte Basisdaten nicht kompensieren.
Zwischen den Vorträgen konnten die Teilnehmenden selbst mit echten biologischen Daten arbeiten: Sie analysierten DNA-Sequenzen, untersuchten genetische Variationen und manipulierten 3D-Proteinstrukturen. Die interaktiven Aktivitäten, die das SIB auch regelmässig für Gymnasiasten durchführt, vermittelten einen direkten Eindruck davon, wie Bioinformatiker mit komplexen Daten aus den Lebenswissenschaften arbeiten, um konkrete biologische und medizinische Fragestellungen zu untersuchen.
Die Ausstellung «Datarium» erweiterte diese praktische Erkundung um Beispiele aus der Schweizer Forschung und veranschaulichte konkrete Anwendungen in den Bereichen Gesundheit, Umweltschutz und KI.
Verantwortungsvolle KI, Datenhoheit und globaler Wettbewerb
Das Forum schloss mit einem Wechsel vom wissenschaftlichen zum strategischen Bereich: Wie können die Schweiz und Europa im globalen Wettlauf um die KI wettbewerbsfähig bleiben und gleichzeitig eine verantwortungsvolle Datennutzung gewährleisten sowie ihre Handlungsautonomie bewahren?
Yves Flückiger, Präsident der Schweizer Akademien der Künste und Wissenschaften, moderierte eine Podiumsdiskussion, bei der kantonale, bundespolitische und akademische Perspektiven vertreten waren:
- Delphine Bachmann, Staatsrätin, Departement für Wirtschaft, Arbeit und Energie, Kanton Genf;
- Laetitia Philippe, stellvertretende Direktorin und Leiterin der Abteilung für nationale Forschung und Innovation, Das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI);
- Antoine Geissbühler, Dekan der Medizinischen Fakultät der Universität Genf und Direktor für Lehre und Forschung am HUG.
Aus der Diskussion ergaben sich vier Kernaussagen:
- Vertrauen, Qualität und Sicherheit müssen Innovation nicht einschränken, sondern können vielmehr die Wettbewerbsfähigkeit stärken;
- Datensouveränität bedeutet nicht, alles auf nationaler Ebene zu regeln, sondern vielmehr die Fähigkeit zu bewahren, kritische Partner, Infrastrukturen und Abhängigkeiten selbst auszuwählen;
- Die Schweiz kann im internationalen Wettbewerb nicht allein durch Grösse punkten, sondern auf wissenschaftlicher Exzellenz, Talenten, starken Institutionen und Vertrauen in strategisch wichtigen Bereichen aufbauen;
- Genf bietet ein einzigartiges Umfeld, in dem Wissenschaft, Regierung, internationale Organisationen und Innovation nebeneinander bestehen.
Die Diskussion hat zudem deutlich gemacht, dass die Nutzung der Vorteile der KI nicht nur Rechenleistung erfordert, sondern auch zuverlässige Daten, qualifizierte Fachkräfte – und die Forschungsinfrastruktur, die beides miteinander verbindet. Das SIB engagiert sich stark in diesem Bereich als Anbieter hochwertiger Biodaten, einer Dateninfrastruktur von Weltklasse sowie von Trainingen zum Aufbau des notwendigen Fachwissens für deren Nutzung.
Data Science über die Grenzen des Labors hinaus
Das Forum spiegelte ein zentrales Ziel von #GenevaLovesData wider: die Bedeutung biologischer Daten über die wissenschaftliche Gemeinschaft hinaus zu vermitteln und einen Dialog zwischen Wissenschaftlern, Bürgern und Entscheidungsträgern zu schaffen.
Gemeinsam mit Datarium und ECCB 2026 wurde der Wert hochwertiger Daten hervorgehoben – ebenso wie das Fachwissen und die Infrastruktur, die die Schweiz benötigt, um diese in Fortschritte in den Bereichen Forschung, Innovation und vertrauenswürdige KI umzusetzen.
Reference(s)
Bildnachweis: Gonzalo Bell | SIB