In ihrer Eröffnungsrede an der European Conference on Computational Biology (ECCB) in Genf sprach SIB-Präsidentin und Schweizer Nationalrätin Simone de Montmollin darüber, wie zuverlässige Daten fundierte demokratische Entscheidungen untermauern, sowie über die Rolle Genfs als globaler Knotenpunkt für vertrauenswürdige wissenschaftliche Daten.
Herr Bundespräsident, Frau Präsidentin des Genfer Staatsrats, Frau Rektorin, verehrte Gäste, meine Damen und Herren,
es ist mir als Präsident des SIB eine grosse Ehre, Sie in Genf zur 25. European Conference on Computational Biology willkommen zu heissen – und eine wahre Freude, eine so internationale wissenschaftliche Gemeinschaft zum ersten Mal hier versammelt zu sehen.
Genf ist nicht einfach nur unsere Gaststadt. Es ist ein Ort, der von Wissenschaft, Zusammenarbeit und Weltoffenheit geprägt ist. Hier verhandeln Staaten über ihre Differenzen hinweg; internationale Organisationen setzen Wissen in gemeinsames Handeln um; und Institutionen wie die WHO, das CERN, die Vereinten Nationen, unsere Universitäten und Spitäler verbinden Forschung, Politik und Gesellschaft. Genf ist ein Ort, an dem Standards diskutiert und grenzüberschreitendes Vertrauen aufgebaut wird. Das macht es zum richtigen Ort für unser heutiges Gespräch.
Und Genf liebt Daten.
Das ist mehr als nur der Name unseres öffentlichen Programms. Es drückt eine Überzeugung aus: Datenwissenschaft darf nicht auf Laboratorien beschränkt bleiben. Durch die Ausstellung „Datarium“ – online, im Freien und hier im CICG – werden biologische und biomedizinische Daten sichtbar und verständlich. Viele Schulklassen haben sie bereits besucht. Die nächste Generation sollte datengestützte Technologien nicht nur nutzen, sondern auch die ihnen zugrunde liegenden Erkenntnisse und Verantwortlichkeiten verstehen.
Unsere Gesellschaften stehen vor miteinander verflochtenen Herausforderungen: alternde Bevölkerung, neu auftretende Krankheitserreger, Verlust der Artenvielfalt, Druck auf die Ernährungssysteme und künstliche Intelligenz. Die Wissenschaft kann keine demokratischen Entscheidungen für uns treffen. Aber die Demokratie kann ohne die Wissenschaft keine fundierten Entscheidungen treffen. Zuverlässiges Wissen hilft uns, Beweise von Behauptungen, Unsicherheit von Manipulation und Fortschritt von bloßen Versprechungen zu unterscheiden. Im Zeitalter der Desinformation ist dies Teil der Infrastruktur der Demokratie selbst.
Als Mitglied des Schweizer Parlaments sehe ich eine weitere Dimension. Daten sind heute eine Frage der Souveränität, der Sicherheit und der Glaubwürdigkeit. Souveränität bedeutet, die Fähigkeit zu verstehen, zu entscheiden und zu handeln zu bewahren – und nicht, sich aus der Zusammenarbeit zurückzuziehen. Sicherheit bedeutet, sensible Informationen zu schützen und gleichzeitig wichtige Daten und Fachwissen in einer Krise verfügbar zu halten. Glaubwürdigkeit bedeutet, dass eine öffentliche Entscheidung, ein wissenschaftliches Ergebnis oder ein KI-System auf Belege zurückgeführt werden kann, denen wir vertrauen.
Was also ist ein hochwertiger Datensatz? Ist er genau und sicher? Offen, wo möglich, geschützt, wo nötig? Ist er dokumentiert, interoperabel, überprüfbar und repräsentativ? Kann er verantwortungsvoll wiederverwendet werden – und wird er auch in zehn Jahren noch verständlich sein? Qualität ist kein Etikett, das am Ende angebracht wird. Sie ist eine Kette der Verantwortung, von der Erhebung über die Kuratierung bis hin zur Langzeitarchivierung.
Wir müssen uns auch fragen, wozu die Technologie dient. Mehr Rechenleistung bedeutet nicht automatisch mehr Fortschritt. Innovation hat nur dann einen Sinn, wenn sie die Gesundheit verbessert, unsere Umwelt schützt und der Menschenwürde dient. Die Frage ist nicht nur, was wir aus Daten schaffen können, sondern was wir schaffen sollten – und zum Wohle von wem.
Dies erfordert einen Rahmen, der Rechte schützt, ohne die Forschung zu lähmen; nachhaltige Infrastrukturen; und die Menschen, die Daten zuverlässig machen. Genau das ist die Rolle von Institutionen wie dem SIB: vertrauenswürdige Ressourcen, Fachwissen und Kontinuität über einzelne Projekte hinaus bereitzustellen.
Und da Daten Grenzen überschreiten, müssen dies auch Standards und Regeln tun. Eine Harmonisierung war noch nie so notwendig wie heute. Genf kann zu einem globalen Knotenpunkt für vertrauenswürdige wissenschaftliche Daten werden – zu einem Ort, an dem Wissenschaft, Politik und internationale Zusammenarbeit Regeln gestalten, die das Vertrauen der Öffentlichkeit verdienen.
In dieser Woche werden Sie die Wissenschaft voranbringen. Meine Hoffnung ist, dass wir gemeinsam auch das Vertrauen stärken, von dem ihre Wirkung abhängt.
Ich wünsche Ihnen eine inspirierende Konferenz und einen wunderbaren Aufenthalt in Genf. Vielen Dank.